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Grenzgängerinnen in Shanghai by -
November 19, 2008, 5:26 pm
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Grenzgängerinnen in Shanghai, 3Sat
Zwei Powerfrauen haben den Durchbruch in China geschafft
Shanghai – Metropole

In China steht das Geldverdienen heutzutage im Vordergrund, die Moral bleibt auf der Strecke. Es gibt nicht genügend Vorbilder. “Kulturzeit” stellt zwei Powerfrauen aus Shanghai vor, deren Träume Wirklichkeit geworden sind. Zwei, die als kleine Revolutionärinnen agieren, zumindest auf künstlerischem und journalistischem Terrain.

Shanghai war der Geburtsort der kommunistischen Partei Chinas. Vieles spricht dafür, dass sie hier auch zu Grabe getragen wird. Das opulent inzsenierte Panorama der 18-Millionen-Megapolis verwandelt sich täglich. Nirgends wird die Schöpfung des Neuen und die Zerstörung des Alten so deutlich wie in diesem Babel des 21. Jahrhunderts.
Jin Xing: Mann, Frau, Tänzer, Künstlerin
Jin Xing

Jin Xing ist der Goldene Stern des Modern Dance. Ihr Leben ist ein Sinnbild für Chinas Wandel. 28 Jahre lebte Jin Xing als gefeierter Tänzer im Körper eines Mannes. Die erste Geschlechtsumwandlung in China sprengte 1995 Grenzen, nicht nur geschlechtliche, auch gesellschaftliche. “Die Menschen brauchen Zeit um zu verstehen, wer ich wirklich bin”, sagt sie. “Sie benötigen Zeit, meine Situation als Künstlerin und Privatperson zu verstehen. Es ist wie beim Fotografieren: Um ein scharfes Bild zu bekommen, muss man zuerst den Focus einstellen. Mann, Frau, Tänzer, Künstlerin – erst wenn alles verschmilzt, wird es klar, wer ich bin.”

Der Traum der Primaballerina begann als Albtraum. Nach einer Operation war ihr linkes Bein gelähmt. Doch Training und eiserner Wille machten das Unmögliche möglich: Jin Xing wurde ein Star. Der goldene Stern, so die Übersetzung von Jin Xing ging mit neun Jahren zur Armee, weil es dort neben der militärischen Ausbildung die besten Ballett-Trainer gab. Mit 17 war er an der Spitze: Chinas bester Tänzer und Oberst der Volksbefreiungsarmee. Dank Stipendium in New York entdeckte er sich künstlerisch neu und kehrte nach Hause zurück, um als Frau wiedergeboren zu werden. Heute lebt die Diva mit drei Kinder adoptierten Kindern und ihrem deutschen Ehemann in Shanghai. “Natürlich ist das alles ein unglaublich großes Experiment”, sagt Jin Xing. Ich war beides: Mann und Frau. Und das hat viel zu meiner Kreativität beigetragen. Ich sehe das als ein Geschenk.”
Jin Xing ist nicht nur eine selbstbewusste Vertreterin der neuen Kulturelite, sie ist auch Synonym für Courage, Selbstverantwortung und die Macht des freien Geistes. Die selbst finanzierte Jin Xing-Tanz-Kompagnie gilt als Zukunftsmodell des chinesichen Kulturbetriebes. Am 17. Juli 2008 tritt sie beim Tanzsommer in Innsbruck auf. Ihre Choreografien sind zur Avantgarde des Aufbruchs geworden. Erotische Sinnlichkeit voller Freiheitslust. Kader-Kommunisten verteufelten sie einst dafür, heute himmeln sie sie an. “Das man in China über Sex und Moral nicht redet, ist nicht neu”, weiß sie. “Diese Tabus gab es auch im alten China. Trotzdem hat im Verborgenen immer alles existiert. Was neu ist: Mit dem Wandel der Gesellschaft werden diese Themen auch angesprochen. Das ist für viele ungewöhnlich. Weg damit – dann ist es auch kein Problem mehr, glaubt man. Als Ausländer braucht man Geduld, muss zuhören können, seine Schlüsse daraus ziehen, um uns zu verstehen, anstatt mit der Tür ins Haus zu fallen.”
Yue-Sai Kan: Fernsehstar und Lifestyle-Ikone
Yue-Sai Kan

Auch ihr Gesicht kennen Millionen Chinesen: Yue-Sai Kan, Fernsehstar und Lifestyle-Ikone. Das “Time”-Magazine ernannte Kan zur “Königin des Reichs der Mitte”. Yue-Sai Kan löst seit 1986 Deng Xiaopings Versprechen ein: Chinas Öffnung zur Welt. Geboren in China, aufgewachsen in Hongkong, machte Kan Karriere in Amerika. Mit ihrer Show “One World” prägte sie das Weltbild einer ganzen Generation. 750 Millionen Chinesen verfolgen wöchentlich ihr Programm. Sie zählt zu den einflussreichsten Frauen Chinas. Aber auch die New Yorkerin mit festem Wohnsitz in Shanghai muss die fremd gewordene Heimat neu verstehen lernen. “Es gibt viele Missverständnisse über China in der westlichen Welt”, weiß Yue Sai Kan. “Viele davon haben die Chinesen, meiner Meinung nach, selbst verursacht. Sie haben sich manchmal so verhalten, dass es nicht leicht war, sie zu verstehen. Einerseits möchte die Regierung wirklich das Land öffnen, andererseits leiden die Politiker noch immer am Verfolgungswahn, der seit der Machtergreifung der Kommunisten herrscht und sind misstrauisch.” Wie soll ichs erklären? Auch die Chinesen hassen das System, nicht nur die westlichen Journalisten. Auch Chinesen, die unter diesen schwierigen Bedingungen arbeiten müssen, haben dafür kein Verständnis. Das wird oft von Ausländern übersehen.”

In den 1990er Jahren ersetzt sie Maos Bibel durch ihre eigene, schreibt Bestseller über Mode und Schönheit, gründet ein Kosmetikimperium, verkauft es um 160 Millionen Dollar und investiert in Lifstyle. Chinas Frauen haben durch sie nicht nur ihr Outfit verändert, sondern auch ihr Leben, ist sie überzeugt. “Die chinesische Regierung hat den Frauen weitreichende Macht zugestanden”, sagt sie. “In jeder Großstadt ist der Oberbürgermeister oder Vizebürgermeister eine Frau. Auch in den Provinzparlamenten werden hochrangige Positionen von Frauen bekleidet. Gerade in der Politik haben Chinas Frauen viel erreicht.” Eines haben sie gemeinsam: Yue-Sai Kan und Jin Xing – beide sind Grenzgängerinnen in Shanghai, einer Stadt die Grenzen sprengt.
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